Hyperbolisches Häkeln

Wer beim Stichwort „hyperbolisches Häkeln“ ein großes Fragezeichen in den Augen hat, dem kann ich die Hand reichen, das ging mir bis vor Kurzem genauso. Das Ganze ist vor einigen Jahren als „Korallen häkeln“ richtig bekannt geworden. Denn Korallen bestehen zu großen Teilen aus hyperbolischen Formen. Wer eine Koralle häkelt, kann es also schon, das hyperbolische Häkeln.

Das Projekt Crochet Coral Reef von Margaret und Christine Wertheim will mithilfe von gehäkelten Korallen darauf hinweisen, dass die realen Korallenriffe allmählich verschwinden. Weltweit nahmen und nehmen Tausende Frauen und ein paar Männer an der Aktion teil und häkelten Korallen, was das Zeug hielt – so viele, dass heute für das Projekt nur noch Werke angenommen werden, die aus Plastik gefertigt sind.

Und wie geht hyperbolisches Häkeln?

Das Ganze ist aus mathematischer Sicht weit weniger banal, als man zunächst meinen mag. Meine Mathekenntnisse reichen definitiv nicht aus, um hyperbolische Geometrie tatsächlich zu verstehen, geschweige denn, sie zu erläutern. Das kann Margaret Wertheim in diesem (englischsprachigen) Vortrag über die Mathematik der Korallen wesentlich besser. Letztlich geht es darum, die üblichen vorgegebenen Regeln der euklidischen Geometrie, die wir alle mal in der Schule gelernt haben, über Bord zu werfen, über Flächen und Ebenen hinauszuschauen und mit den Formen zu spielen. Womit wir bei den Stoffspielereien wären, die dieses Mal von Ines von den Nähzimmerplaudereien ausgerichtet werden. Thema ist „Ecken und Kanten„.

Beim hyperbolischen Häkeln entstehen keine Ecken, dafür aber eine Kante, die sich windet und krümmt, die oft die gesamte Struktur der Form ausmacht. Ich habe mich für den Anfang für eine ganz einfache Form entschieden. In einem Ring aus acht festen Maschen habe ich jede Masche verdoppelt. In der zweiten Reihe hatte ich also 16 Maschen, in der dritten 32, in der vierten 64 und so weiter. Die Zahl der Maschen wächst also exponenziell. Schon ab der dritten Reihe beginnt das Häkelstück sich zu kräuseln und bekommt dann immer mehr Ähnlichkeit mit einer Koralle (im meinem Fall leider mit einer schon gebleichten, also kranken) und wird immer runder. Später wird die Kugel immer dichter, weil sich mehr Maschen auf einem nur begrenzten Raum sammeln. Korallen nutzen die hyperbolische Geometrie, um ihre Oberfläche zu vergrößern und damit mehr Wasser filtern zu können. Ich finde, das sieht man am Häkelstück sehr gut. Es lohnt sich übrigens, eine Bildersuche nach dem Stichwort zu unternehmen, die Ergebnisse sind wunderbar. Ein paar habe ich auf einem Pinterest-Board mal zusammengestellt. Was für eine Fleißarbeit – jedes einzelne. Dagegen ist mein Puschel höchst einfach. Er besteht aus acht bis neun Reihen, die letzte Reihe umfasst ungefähr 2000 Maschen! Hier gibt noch einen amüsanten Artikel über ein Buch zum hyperbolischen Häkeln und die Ignoranz mancher Buchjurys.

Was ich mit meiner Koralle machen werde, weiß ich noch nicht. Ich habe ein paar Bilder gesehen, bei denen die Korallenkugeln die Bommeln an Mützen ersetzten. Das finde ich ganz hübsch. Ansonsten besteht meine Koralle aus Baumwolle und kann damit auch eine Karriere als Duschschwamm anstreben. Und das Prinzip eignet sich für alle Rüschen, die irgendwo angesetzt werden. Übrigens lassen sich die Windungen einfach in Form legen. Vielleicht sollte ich mir ein zweites Gehirn häkeln? Sollte mit dem hyperbolischen Häkeln kein Problem sein …

hyperbolisches-hakeln-4
Hat doch Ähnlichkeit mit Gehirnwindungen, oder?

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11 Comments

  1. Diese Vielfalt zu den „Ecken und Kanten“ ist phänomenal! Zum Glück hat mein Mann unseren Söhnen als eines der ersten hundert Wörter „hyperbolisches Paraboloid“ beigebracht: ich hätte sonst nicht gewusst, um was es beim hyperbolischen Häkeln geht. Tolle Idee und danke fürs Vorstellen!
    Liebe Grüße
    Ines

  2. Oh wieder was gelernt und offensichtlich habe ich auch schon hyperbolisch gehäkelt als ich in sehr jungen Jahren meine Barbiepuppen mit rüschigen Flamenkokleidchen behäkelt habe.Eine ganz andere Kantenperspektive.
    LG Karen

  3. Großartig! Dein humorvoller Text, das zweite Gehirn, die Aktion mit den Korallen, das Wort an und für sich (Haha, Ines, ich lach mich krumm! Bei uns war das die „Permeabilitätskonstante“), deine Pinterest-Seite und die Sache an und für sich! Da hab ich doch glatt letztens Oktopus-Arme hyperbolisch gehäkelt und es gar nicht gewusst! Die Stoffspielereien sind einfach der Hammer, was da immer zusammenkommt! lg, Gabi

  4. Oh, spannend! Die Aktion mit dem gehäkelten Korallenriff aus Plastiktüten hatte ich schon mal wahrgenommen, mit dem mathematischen Hintergrund dieser Gebilde hatte ich mich aber noch nie beschäftigt. Irre, was man damit alles herstellen kann. Danke für den Einblick.

    1. Gern geschehen! Dass ich mich mit der Mathematik dahinter beschäftigt hätte, stimmt ganz sicher nicht, auch wenn sie mich fasziniert. Und wenn man das erst einmal verstanden, sieht man plötzlich überall hyperbolische Formen und Flächen.

  5. Der Begriff ist neu für mich. Die Technik kenne ich vom Kornblumen häkeln. Aus weißen Baumwollgarnresten habe ich Blumen gehäkelt, die an Ende ähnlich aussahen. Das Beste ist, dass man keine Anleitung benötigt und praktisch nichts falsch machen kann.
    LG Ute

    1. Das stimmt, die Technik ist tatsächlich sehr einfach. Und die Ergebnisse teilweise wirklich spektakulär.
      Danke für deinen Kommentar

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