Das Schweigen meiner Mutter von Lizzie Doron

„Wo ist mein Vater?“ Das fragt die kleine Lizzie sich selbst, ihre Mutter und überhaupt jeden, den sie kennt. Denn im „Viertel“, in dem sich die Shoah-Überlebenden versammeln, ist sie das einzige Kind, das ohne Vater groß wird. Doch jeder schweigt, allen voran Lizzies Mutter. „Was ich will, dass sie weiß, das weiß sie.“, sagt sie. Und so schafft sich Lizzie einen eigenen Vater, lässt ihn als Partisan in Polen gegen die Nazis kämpfen oder nach Amerika auswandern.

Erst Jahre später, als Erwachsene, kommt sie der Wahrheit auf die Spur, halb suchend, halb von Informationen überfallen, die nun, da die Mutter tot ist, aus den anderen herausquillen. Und auch die anderen Geschichten kommen heraus, das Schweigen der anderen Überlebenden der Nazi-Zeit bricht. Am anrührendsten ist die letzte Seite des Buchs, die ein Foto der kleinen Lizzie zeigt, mit ihrem Vater, der sich vor ihr und den anderen in einem Gebüsch versteckt und sie beobachtet.

Was für ein großartiges Buch!

Doron, Lizzie: Das Schweigen meiner Mutter. dtv. 14,90 Euro

Hemmersmoor von Stefan Kiesby

Keine leichte Kost, aber äußerst lesenswert: der Roman Hemmersmoor von Stefan Kiesby.

Christian wächst mit seinen Freunden in einem verlassenen, öden Dorf in der trostlosen norddeutschen Tiefebene auf. Die Tage sind geprägt von Langeweile und Tratsch, von Gehässigkeit, Aberglaube und Intoleranz – von einem Klima, das Katastrophen geradezu heraufbeschwört. Und so kommt es, wie es kommen muss: Jeder macht sich schuldig, verrät, betrügt, vergewaltigt und mordet, allein oder als Teil der Gruppe.

Fast jedes der Kapitel, die aus der Sicht unterschiedlicher Personen geschildert sind, endet mit einem oder mehreren Toten, mindestens aber mit Inzest, Vergewaltigung oder Prügel. Kiesby bedient sich dabei vieler Mittel des klassischen Schauerromans, setzt auf das Entsetzen, das sich im Alltag ausbreitet und gerade durch seine scheinbare Normalität einen solchen Schrecken verbreitet.

Allerdings versagt der Autor seinem Leser die Auflösung, die reinigende Sühne. Nein, Hemmersmoor und seinem Grauen entgeht keiner, jeder Versuch einer Flucht scheitert früher oder später. Aber nur die aufufernde Gewalt zu sehen, greift zu kurz. Denn sie ist nur sichtbarer Ausdruck des allumfassenden Schweigens, das in dem Dorf herrscht. Ein Schweigen, das weit tiefer greift, als es zuerst den Anschein hat.

Stefan Kiesby: Hemmersmoor. Klett-Cotta. gebunden. 17,95 Euro